"Leutnant Gustl" ist Arthur Schnitzlers bedeutendste Erzählung, eine Novelle, die 1900 entstanden und erstmals in der Weihnhachtsbeilage der "Neuen Freien Presse" abgedruckt wurde.
In einem inneren Monolog werden nur wenige Stunden aus dem Leben des Leutnant Gustl, einem jungen k.u.k. Offizier, beschrieben.
Gustl ist ein rechtschaffener Soldat, der sich immer ordnungsgetreu verhält und dem sein Beruf und das Militär als solches sehr viel bedeuten. Dies zeigt sich besonders in seiner Bereitschaft, sich um der Ehre des Militärs willen zu duellieren, was in der damaligen Zeit ein übliches Ritual zur Beseitigung von Ehrbeleidigungen war, und in Schnitzlers Novellen und Dramen immer wieder ein Hauptmotiv darstellt.
Der Leutnant wird als ein etwas oberflächlicher, triebgesteuerter Mensch dargestellt, der sich von Vorurteilen leiten lässt und dem viel an seinem Ruf und seiner gesellschaftlichen Position liegt. Man könnte ihn sogar als arrogant bezeichnen, jedenfalls ist er sehr stolz auf seine Position im Militär, wenngleich er absolut nicht als typischer "Held" einer Geschichte präsentiert wird.
Der Leutnant sitzt zu Beginn der Erzählung allein in einem Oratorium, ist gelangweilt und lässt seine Gedanken an alle möglichen Begebenheiten schweifen. Er wartet sehnsüchtig auf das Ende des Konzertes, zu dem er eigentlich nicht gehen wollte, sich aber von einem Freund überreden ließ.
Als das Konzert endlich vorbei ist, gerät Gustl an der Garderobe in eine kleine Auseinandersetzung mit einem ihm bekannten Bäckermeister. Nach einem kurzen Disput darüber, dass er sich vom Leutnant bedrängt fühlt, greift der Bäcker nach dem Säbel des Offiziers und nennt diesen einen "dummen Buben". Gustl kann sich nicht von der Hand an seiner Waffe befreien, zu kräftig ist der Bäckermeister.
Von da an gerät Gustl in einen unkontrollierten Zustand der Verwirrung. Er ist fest davon überzeugt, dass er diese Schande nicht auf sich sitzen lassen kann. Der Bäckermeister hatte seine Ehre und die des Militärs beleidigt, was zwar niemand gehört hatte, sich aber aus den Gedanken des Leutnants nicht mehr verbannen lässt. Er ist somit nicht mehr satisfaktionsfähig, das heißt, er kann den Bäcker nicht zum Duell herausfordern, und sein letzter Ausweg ist der, sich selbst umzubringen. In diesem Bewusstsein läuft Gustl, in unzähligen Gedanken verloren, die ganze Nacht lang durch die Wiener Innenstadt, unterbrochen nur von einem kurzen Schläfchen auf einer Parkbank.
Am nächsten Morgen will Gustl in einem Kaffehaus sein letztes Frühstück zu sich nehmen. Er ist immer noch der unerschütterlichen Überzeugung, sein Leben in Kürze beenden zu müssen, selbst wenn niemand jemals von dem Vorfall am Abend zuvor erfahren sollte.
Umso überraschender ist die Wendung am Ende der Geschichte. Der Leutnant erfährt vom Kellner, dass der Bäckermeister, der Gustls Ehre beleidigt hatte, weshalb sich dieser das Leben nehmen muss, in der Nacht an einem Schlaganfall gestorben war. Und plötzlich ist Gustls Welt wieder in Ordnung, vergessen die Schmach, die er die ganzen Nacht lang empfunden hatte. Mit blendender Laune stellt er fest, was für ein "Mordsglück" es war, dass er in das Kaffeehaus gegangen ist - "sonst hätt' ich mich ja ganz umsonst erschossen".
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