Die Erzählung beginnt mit der Kindheit der Bandmitglieder Nikki Sixx und Tommy Lee und endet mit Jahr 2002 (Veröffentlichungsjahr von "The Dirt"). Neben der Werdegang der Band Mötley Crüe werden auch die Einzelbiografien der Bandmitglieder nacherzählt. Wechselnd erzählen Neil, Mars, Sixx und Lee Episoden aus ihrem Leben. Ob es sich nun um witzige Anekdoten oder traurige Erinnerungen handelt – gespickt sind die Geschichten mit dem gewissen Fünkchen Selbstironie. Die braucht man wahrscheinlich auch, wenn man in hautengen Leder- oder Spandexhosen, mit auftoupierten, gefärbten Haaren und rot gemalten Lippen und Fingernägeln auf hochhackigen Schuhen den kalifornischen Sunset Boulevard entlang läuft. Neil Strauss, Autor des Buchs, hat die Erzählungen der Bandmitglieder zu einer stringenten, gut lesbaren und bis auf wenige Exkurse und Rück- und Vorblenden chronologisch verlaufenden Geschichte verwoben. Vermutlich wurde viel gekürzt und so umgeschrieben, dass alles nachvollziehbar wird, aber dennoch merkt man, welches Bandmitglied gerade erzählt – Tommy Lee sticht z. B. durch seine oftmals vulgäre Sprache und den inflationären Gebrauch von Flüchen auf.
"The Dirt" ist ein Buch, welches den Intellekt fast gänzlich betäubt und dafür mit primitivem Humor und einer gehörigen Portion Selbstironie seitens der Band fesselt. Ich werte es dabei nicht als negativ, dass der intellektuelle Anspruch fehlt. Das wäre nämlich wirklich das Letzte gewesen, was ich von einer der skandalträchtigsten Bands aller Zeiten erwartet hätte. Die Geschichten werden so lebhaft erzählt, dass der Leser das Gefühl hat, mittendrin zu sein. Trotz vermutlicher Kürzungen und Zensuren hat man nicht das Gefühl, das die Essenz oder die Atmosphäre verloren geht. Und auch, wenn sich letztendlich trotz aller Hochs und Tiefs alles zum Guten gewendet hat (Wer nach mehrere Überdosen immer noch am Leben ist, braucht schon eine gehörige Portion Glück!), strotzt dieses Buch nicht vor moralischen Lehren. Nach Jahren des Exzesses wird allenfalls ein nüchternes Fazit gezogen – von geläuterten Sündern kann hier keine Rede sein. Alles andere hätte ich auch irgendwie falsch gefunden. Da viele Stellen nicht jugendfrei sind, gehört das Buch meiner Meinung nach nicht in die Hände von Kindern. Außer man will, dass die Kinder schon frühzeitig von weiblichen Ejakulationen o. ä. erfahren ;o) . Einigen Leuten ist es vermutlich zu vulgär, aber durch die vulgäre Sprache wird wiederrum das Rockstar-Klischee bedient, was zur Kohärenz beiträgt. "The Dirt" hat, wie man schon heraushören kann, meine Erwartungen gänzlich erfüllt. Strauss ist es gelungen, genau den Spirit einzufangen, der auf den Platten mitschwingt. Abgerundet wird das "dreckige" Werk von 16 Farbfotos und zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotografien und Kopien, die die verschiedenen Stationen des Lebens der Bandmitglieder und der Bandgeschichte dokumentieren. Empfehlenswert ist das Buch natürlich in erster Linie für Fans der Band, aber ich denke, dass dieses Buch generell jedem Fan von Rockmusik gefallen wird. Ob nun Guns N' Roses, Motörhead oder Mötley Crüe – jede große Band hat vermutlich ähnliche Höhen und Tiefen erlebt und in kaum einem Buch wird das von Sex, Drugs & Rock'n'Roll bestimmte Rockerleben lebhafter und humorvoller beschrieben als in "The Dirt". Wie viel nun wirklich der Wahrheit entspricht (einige Episoden sind einfach zu abgedreht, um wahr zu sein), werden wir wohl niemals erfahren. Aber irgendwie macht die Illusion der "abgefuckten" Klischeerockstars ja auch extrem viel Spaß.
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